Systemrelevant – wofür Ernste Musik
- Albin Wirbel
- 24. Feb. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Mehr Erlebnisfähigkeit durch Musik
Musik ist immer das, was unser Gehirn daraus macht.

Das Buch „Erwarten Sie Wunder. Expect the unexpected“ von Kent Nagano und Inge Kloepfer ist mehr als eine Autobiographie. Es handelt von der Liebe zur Musik. Hier einige Gedanken daraus, die für mich besonders bemerkenswert sind.
Musik, sowohl das Hören als auch das eigene Spielen, erfasst das gesamte Gehirn. Ihre besondere Wirkung auf den ganzen Menschen entsteht u.a. durch die daraus resultierenden Hormonausschüttungen. Musik erhöht den Oxytocin-Spiegel. Oxytozin ist ein Hormon, das unsere Bereitschaft steigert, sich auf andere Menschen einzulassen. Es lässt Vertrauen zwischen Menschen entstehen und wird zum Beispiel beim gemeinsamen Singen ausgeschüttet. Darum sind v.a. Chorsänger geübte Teamplayer. Sie haben gelernt, eine Melodie gemeinsam mit anderen zu halten, in Harmonie und im gleichen Tempo mit anderen zu singen. Regelmäßiger Probenbesuch über Jahre hinweg ist Standard. Und die meisten Sänger wissen auf noch so unauffälligste Hinweise des Dirigenten zu reagieren.
Durch Musik erhöht sich auch der Wert des für unsere Gesundheit so wichtigen Immunglobulin A. Ferner gibt es Studien, die zeigen, dass nach ein paar Wochen Musiktherapie Melatonin, Adrenalin und Noradrenalin ansteigen.
Wie hieß Ihr letzter Ohrwurm? Sobald ich meinen letzten habe, setzt er sich wieder in meinem Kopf fest ohne, dass ich ihn vorher nochmals hören musste. Im Grunde entsteht Musik also im Kopf und kann sogar das Gehirn verändern. Musik aktiviert unsere gesamte Erlebnisfähigkeit. Musik hat diese einzigartige Kraft: Sie kann Erinnerungen wecken und verschwinden lassen, sie spielt mit Erwartungen und unserem Vorstellungsvermögen. Sie fördert das Spüren und das Fühlen, sie fordert uns heraus – allumfassend, in all unserem Erleben.
Warum „Ernste Musik“?

Musik ist nie sofort als ein Ganzes zu erfassen. Dazu braucht es immer Zeit und Raum. Anders als bei einem Bild ist eine Symphonie immer nur in dem Teilbereich wahrnehmbar, der gerade erklingt. Anders als bei einem Buch, braucht es auch die Dimension der Resonanz, des Mitschwingens. Durch dieses nie ganz erfassen können entsteht ein Sog und gibt Musik durch Hörversprechungen einen einzigartigen Suchtfaktor. Ähnlich wie bei einem spannenden Buch, einem Puzzle oder einer Konditorauslage gibt es Musikstücke, die unwiderstehlich sind.
Das Besondere der Ernsten Musik ist, dass sie die Komplexität des Lebens widerspiegeln kann. Ein normaler Pop-Song tut das nicht. Jedes gute Kunstwerk entsteht zu einer bestimmten Zeit und ist doch durch seine Wirkung, seine Machart, seine Entstehungsgeschichte, seine immanente Idee zeitlos. Es gibt gute Popsongs und es gab in der Vergangenheit sehr viel gute Musik und oft ist es auch Zufall, warum ein Werk bis zu uns und vielleicht noch weiter wirkt. So gibt es sicher noch immer viel schlafende Kunst. Die sogenannte „Ernste Musik“, ich will nicht sagen „Kunstmusik“, wurde durch die Jahrhunderte gefiltert und stellt einen Schatz von bewährter abendländischer Kultur dar. Man darf den Blick allerdings nicht nur nach hinten richten, sondern sollte auch sehen, dass dieser Schatz ständig erweitert wird, durch „Ernste Musik“ und durch viele andere gute Spielarten der Musik. Es ist klar, dass hier der Filter der Jahrhunderte natürlich noch nicht ausgesiebt hat.
Klassische Musik ist komplex und stimuliert das Gehirn auf eine ganz besondere Art. Sie erschließt sich meist nicht in den ersten drei Minuten. Aber der menschliche Geist will Herausforderungen. Und komplexe Musik ist eine der angenehmsten. Interessant ist, dass vor allem traurige Musik Gedanken zu Themen über das Leben (schwierige Lebenssituationen, Tod, …) hervorbringt.
Im Übrigen ist diese komplexe, kunstvolle (vielleicht auch verkünstelte) Musik, ähnlich wie der Trost durch Religion und Glauben, nicht aus finanziellen Gründen entstanden. Es waren und sind existenzielle Gründe, die Menschen dazu antreiben. Daher ist die Frage danach, ob sich Musik (Kunst) finanziell rentiert nur ein Teil einer komplexen Frage. Bevor man den Begriff „systemrelevant“ gebraucht, sollte klar sein, um welches System es sich überhaupt handelt und für wen diese Relevanz gilt.
Gibt es noch eine Chance?

Künste sind nur dann gesellschaftlich lebendig, wenn Menschen an ihnen teilhaben können. Dazu braucht es ein entsprechendes Umfeld für alle Altersstufen. Das beginnt nicht bei der Finanzspritze für ein Opernunternehmen und hört nicht bei kostenlosen Streamingdiensten auf. Der Beginn liegt bei Menschen, die gut und gern Musik machen oder hören, die ganz und gar von einer Kunst durchdrungen sind. Wo und wie verbringen wir unsere meiste Lebenszeit? Allgemeinbildung (Kunst, Kultur, große Zusammenhänge, Menschlichkeit, …) wird in einer von Wirtschaftsunternehmen in Auftrag gegebenen Studie sicher keine erste Geige spielen. Ein entsprechender Blick auf die maßgeblichen Studien wäre sicher bedenkenswert. Grundlegend in der Musik ist nicht, was ich mache, sondern wie. Es ist das Wie: wie Musik weitergegeben und vermittelt wird. Auch das lässt sich nur bedingt in Methodik und Didaktik beschreiben. Das scheint das metaphysische Wesen von Musik zu sein, dass man sie nie in Gänze erfassen und beschreiben kann.
Inwiefern Sie das als Leser betrifft? Unabhängig vom gegebenen musischen Thema dieses Textes: Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit. Damit verliert der Mensch die Fähigkeit zur Empathie und somit zu einem Grundpfeiler des menschlichen Wesens.
“Musik ist die einzige Kunst, durch die man sein Ego verlieren kann.” (Arthur Schopenhauer)
Zum Weiterlesen
Kent Nagano, Inge Kloepfer: „Erwarten Sie Wunder. Expect the unexpected“, Piper 2016
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