Wie die Musik auf die Erde kam
- Albin Wirbel
- 21. Nov. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Ein Märchen aus Mexiko
Bearbeitung: Albin Wirbel, November 2020
Die Erde ist traurig
Tezcatlipoca, der höchste Gott, kam auf die Erde. Er sah die Wiesen und Wälder und die Berge und Täler. Aber alles war still. Er hörte nichts. Das machte ihn sehr traurig.
Daher rief er nach seinem Freund, dem Wind. Er rief nach ihm in alle vier Himmelsrichtungen:
Nach Norden „Komme, o Wind!“
Nach Süden „Komme, o Wind!“
Nach Westen „Komme, o Wind!“
Nach Osten „Komme, o Wind!“
Der Wind war aber über die ganze Welt verstreut. Er musste sich erst wieder sammeln. Und dann erhob er sich und eilte schnell zum Himmelsgott. Dabei peitschte er die Wasser der Ozeane auf und zerzauste alle Bäume.
Als er angekommen war, sagte Tezcatlipoca zu ihm:
„Wind, ich bin traurig. Die Erde ist so still. Auch sie ist darum traurig. Sie hat Licht, bunte Farben und viele Früchte, aber es fehlt ihr die Musik. Daher soll allen die Musik geschenkt werden: dem erwachenden Tag, dem träumenden Mann, der wartenden Mutter, dem fließenden Wasser und dem Vogel in der Luft. Die Musik soll alles Leben erfüllen. Los: Eile schnell durch diese grenzenlose Trauer. Eile bis zum Dach des Himmels. Dort sitzt nämlich die Sonne. Sie hat ganz viele Musikanten. Diese entlocken ihren Flöten die süßesten Töne und über ihren zauberhaften Gesang freuen sich alle. Schnell, bringe die besten Musikanten und Sänger zu Erde!“
Das Haus der Sonne
Der Wind tat sein Bestes. Er eilte so schnell er konnte über die schweigende Erde, so dass er richtig außer Atem war, als er endlich das Dach des Himmels erreichte. Und dort sah er, wie alle Melodien im Licht wohnten.
Die Musikanten und Sänger waren in vier Farben gekleidet:
· in Weiß die Sänger der Wiegenlieder,
· in Rot die Sänger von Liebe und Krieg,
· in Blau die Troubadoure und
· in Gelb die Flötenspieler. Diese umspielten das Gold, das die Sonne allen Gipfeln der Welt schenkte.
Es gab keine dunkel gekleideten Musikanten und alle waren glücklich.
Raub der Musik
Als die Sonne den Wind entdeckte, warnte sie schnell ihre Musikanten:
„Da kommt der lästige Erdenwind. Stellt schnell die Musik ein! Hört auf zu singen, gebt ihm keine Antwort! Wer ihm nur einen Ton schenkt, muss mit ihm hinunter auf die schweigende Erde.“
Auf den Lichtstufen des Sonnenhauses rief der Wind mit lauter Stimme:
„Musikanten, Sänger, der höchste Gott ruft euch! Kommt mit mir!“
Doch die Musikanten blieben stumm und tanzten lautlos weiter im gleißenden Licht der Sonne.
Da wurde der Windgott grimmig. Mit seiner blitzenden Peitsche trieb er dunkle, schwarze Wolken heran. Er ließ Donner grollen, bis ein richtig großer Sturm aufheulte. Alles um das Sonnenhaus herum wurde nun dunkel und selbst die Sonne schien in dem Sturm zu ertrinken. Da bekamen die Musikanten und Sänger richtig Angst und suchten nun Schutz beim Windgott.
Die Musik kommt auf die Erde
Sanft, sehr sanft, damit sich die zarten Melodien nicht verletzten, nahm der Wind alle behutsam zu sich. Und gemeinsam reisten sie nun zur traurigen Erde hinab. Unten angekommen erhob die Erde ihr Antlitz zum Himmel und zum allerersten Mal lächelte sie.
Als die Musikanten sich singend über die Erde verteilten, kehrte mit ihnen auch das Glück ein. Da vergaß sogar der Wind seine Klagen und liebkoste mit seinem Gesang alle Täler, Wälder und Seen.
So kam die Musik auf die Erde. Und so lernten alle zu singen: der erwachende Tag, der träumende Mann, die wartende Mutter, das fließende Wasser und der Vogel in der Luft.
Und seit damals ist das Leben auf der Erde voll Musik.
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